Es gibt ein Kulturhaus in Neuperlach

Der Verein KulturBunt Neuperlach e. V. feiert 2025 sein 30. Jubiläum. KulturBunt Neuperlach e. V. betreibt seit 1995 die Theaterbühne PepperTheater im PEP und seit 2001 das Kulturhaus Neuperlach – vormals am Hanns-Seidel-Platz, aktuell in der Albert-Schweitzer-Straße 62 im ersten Stock. Ergänzt werden die beiden Räumlichkeiten durch einen zur mobilen Bühne umgebauten Lkw, den sogenannten HoodMove16.

Der Betrieb dieser Einrichtungen wird durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München finanziert. Aktuell organisieren fünf hauptamtliche Personen in Voll- oder Teilzeit sowie ein freier Mitarbeiter den Betrieb. Der Vorstand des Vereins und seine Mitglieder arbeiten ehrenamtlich.

30 Jahre KulturBunt Neuperlach e. V. sind Anlass, um auf die Historie der Stadtteilkultur Neuperlachs zu blicken.

Dafür haben wir uns mit Erika Martens vom Vereinsvorstand und Carlheinz Zobel, ehemaliger Geschäftsführer des Kulturhauses Neuperlach unterhalten. Beide sind Vereinsmitglieder der ersten Stunde. Den langjährigen Vereinsvorstand Ulrich Knauer baten wir um seine Einschätzung zur Stadtteilkultur Neuperlachs. Die vom Verein zum Betrieb der Häuser angestellte Geschäftsführerin Bahar Auer berichtet im Interview über aktuelle Themen.

Wenn in Neuperlach von Kultur gesprochen wird, dann voller Wehmut und mit Kritik: „Noch immer haben wir kein Kulturhaus!” Gemeint ist damit der geplante Bau eines Kultur- und Bürgerzentrums in Neuperlach Zentrum am Hanns-Seidel-Platz – und Wehmut und Kritik sind berechtigt. Da es allerdings seit 1995 bereits ein städtisch finanziertes Theater- und Kulturhaus gibt, wollen wir die Entwicklung der Stadtteilkultur etwas genauer betrachten. Zumal KulturBunt Neuperlach e. V. zu seinem 30. Geburtstag den Bayerischen Integrationspreis 2025 gewonnen hat.

Florian Mayr – MGS  Stadtteilmanagement Neuperlach

Ansicht des „Pepper – Kultur im Keller“ im Untergeschoss des PEP von ca. 2005, als der Eingang noch durch die Starbucks Filiale – das ehemalige Theater-Café – verlief. Heute ist der Eingang zum Pepper-Theater durch die Türe links neben Starbucks. Foto: KulturBunt Neuperlach e. V
Der Hauseingang der Albert-Schweitzer-Straße 62. Dort befinden sich im 1. Stock das Kulturhaus Neuperlach sowie die Büroräume von KulturBunt Neuperlach e. V. Der Eingangsbereich ist zur besseren Sichtbarkeit mit dem quadratischen 3D-Logo des Vereins markiert.

Die Anfänge: vom Pepper zum Kulturhaus Neuperlach

Wie entstand vor 30 Jahren die Idee, einen Stadtteilkulturverein zu gründen?

Erika Martens: Ich wurde 1985 in den Bezirksausschuss (BA) Ramersdorf-Perlach gewählt und habe darüber Kontakt zum „Arbeitsausschuss für Stadtteilarbeit in Neuperlach” bekommen. Als wir im BA die Vorlage erhielten, dass der Pachtvertrag für die Räumlichkeiten des heutigen „Pepper” am Vorplatz des PEP neu verhandelt wird, habe ich darin die Chance gesehen, ein Theater für bürgerschaftliche Nutzung aufzubauen. Also habe ich die Idee im Arbeitsausschuss eingebracht und Mitstreiter*innen gesucht. Nachdem sich eine Gruppe von sieben Aktiven zusammengefunden hatte, gab es erste Treffen, um einen Kulturverein zu gründen. Die Gründungsversammlung des Vereins „Kulturforum” fand am 23. April 1992 statt. Kurze Zeit später wurde die Satzung beschlossen und dem BA vorgestellt. Daraufhin haben wir den Zuschlag bekommen, das Pepper-Theater als Kleinkunstbühne zu betreiben. Das Büro des Vereins befand sich in einem der kleinen Räume im Keller, neben dem Lagerraum und dem Bandübungsraum. Ursprünglich war im Erdgeschoss ein italienisches Lokal untergebracht, durch das man gehen musste, um zum Eingang des Pepper zu kommen. Als die Gaststätte schließen musste, gab es für uns die Möglichkeit, in den Räumen ein Theater-Café zu betreiben.

Carlheinz Zobel: Ich habe ab 1999 das Theater-Café geleitet. Bis Ende 2000 habe ich das Café hauptberuflich geführt und war gleichzeitig Mitglied des Kulturforums. Das Konzept war, dass dort neben dem Cafébetrieb auch Musiker*innen auftraten und Ausstellungen stattfanden. Die Gastronomie war in den Theaterbetrieb integriert und der Kartenverkauf für das Pepper fand teilweise über den Tresen statt. Immer mittwochs gab es Livemusik. Es gab auch Mitsingabende, bei denen einige Leute Gitarre spielten und Notenbücher ausgeteilt wurden. Die Gäste konnten sich dann wünschen, welche Lieder gespielt werden sollten. Wir hatten also ein sehr integratives Konzept. Als Kleinkunstbühne organisierten wir Livemusik, Filmabende und Lesungen. Außerdem probte eine Schauspielschule für Kinder in den Räumlichkeiten und hatte dort auch ihre Auftritte.

Wie habt ihr das Pepper-Theater organisiert?

Erika Martens: „Pepper – Kultur im Keller” war der ursprüngliche Name des Theaters und der Verein hieß zu Beginn „Trägerverein Pepper e. V..” Der Trägerverein wurde 1995 gegründet, das war die Geburtsstunde von KulturBunt Neuperlach e. V.. Notwendig war der Verein mit entsprechendem Satzungszweck, um die Förderung des Kulturreferats zu erhalten. Zuvor mussten wir als Kulturforum e. V.  bei jeder Veranstaltung einzeln einen Zuschussantrag bei der Stadt stellen. Initiatoren für die Gründung des Trägervereins waren etwa zwanzig Einrichtungen und Bürger*inneninitiativen aus dem Stadtteil, die im damaligen „Arbeitsausschuss für Stadtteilarbeit in Neuperlach” engagiert waren und dann Mitglieder im Trägerverein wurden. So wurde auch das Kulturforum Mitglied beim Trägerverein Pepper e. V..

Carlheinz Zobel: Ich war der erste angestellte Geschäftsführer des neu gegründeten „Trägervereins Pepper e. V." und hatte als solcher eine Teilzeitstelle. Als das Kulturhaus am Hanns-Seidel-Platz Ende 2001 dazukam, wurde die Stelle auf Vollzeit aufgestockt. Gleichzeitig habe ich die Tätigkeit im Theater-Café beendet. Mit dem Kulturhaus hatten wir dann zwei Räume, die Gastronomie in Eigenbetrieb im Theater-Café haben wir aus Kostengründen aufgegeben. Es stand auch die Schließung des Pepper-Theaters im Raum. Dagegen haben wir protestiert und als Kompromiss eine reduzierte Miete ausgehandelt. So konnten wir das Pepper zusätzlich zum neuen Kulturhaus weiterbetreiben, jedoch ohne das Theater-Café. Das Theater-Café war am Vorplatz des PEP im Erdgeschoss sehr sichtbar und somit schon eine spürbare Veränderung im Betrieb. 2005 zog eine Starbucks-Filiale ein, der Theatereingang verlief Anfangs noch durch das Café, das war dann aber nicht mehr erwünscht, sodass letztendlich der Eingang zum Theater verlegt werden musste. Das PEP baute gleichzeitig die Räumlichkeiten im Keller um, sodass wir das Lager und den Übungsraum abgaben. Wir bekamen dafür das Foyer der ehemaligen benachbarten Disco am PEP.  Der Eingang zum PepperTheater ist seither links neben dem Café.

Wie kam es dazu, dass das provisorische Kulturhaus am Hanns-Seidel-Platz gebaut wurde?

Erika Martens: Es war immer das planerische Ziel, dass in Neuperlach Zentrum ein Kulturhaus entsteht. Der politische Wunsch nach einem Kulturhaus am Hanns-Seidel-Platz war und ist ja groß. Das Gebäude wurde durch das Kulturreferat beauftragt und von Florian Nagler Architekten als Holzpavillon errichtet. Wir waren schon im Pepper tätig und haben deshalb auch die Organisation des Pavillons übernommen. Das provisorische Kulturhaus wurde im Dezember 2001 eröffnet. Die Ehrenamtlichen aus dem Verein haben zum Betrieb der beiden Häuser sehr viel beigetragen. Sobald es das Kulturhaus gab, haben wir „Pepper – Kultur im Keller” zu einem reinen Theater umkonzipiert, denn alles andere konnte nun im Kulturhaus stattfinden.  

Carlheinz Zobel: Als das Interimskulturhaus 2001 eröffnet wurde, gab es viele, die dort etwas organisieren wollten. Deshalb hatten wir die Idee, eine Projektwerkstatt zu gründen, bei der jede*r mitmachen und einen Teil des Programms selbst organisieren konnte. Aus 40 Interessent*innen sind Einige dann Teil der Programmwerkstatt geworden. Die Programmwerkstatt hat mit mir Zeitfenster koordiniert, die sie mit eigenen Projekten füllen konnte. So gab es etwa die einmal jährlich stattfindende „Countryweihnacht” und einmal im Monat Auftritte der „Perlach Roofstompers”, einer Dixielandband aus dem Stadtteil. Die Programmwerkstatt hat auch in Eigenproduktion das Buch „Kunst in Perlach” herausgegeben, in dem alle Kunstwerke im Stadtteil dokumentiert wurden. Das Buch ist jetzt in einer Neuauflage erschienen. Es war also geplant, dass das Kulturhaus als Provisorium fünf Jahre auf dem Hanns-Seidel-Platz stehen sollte. Daraufhin sollte dann der Festbau folgen. Aber wie heißt es so schön: „Nichts hält länger als ein Provisorium”. Der Abriss wurde immer wieder verschoben. Nach fünf Jahren musste dann eine Verlängerung beantragt werden. Danach lief es nochmal fünf Jahre weiter, sodass das Haus, mittlerweile mit vollem Programm und gut etabliert, insgesamt für sechzehn Jahre am HannsSeidel-Platz stand. Dann kam 2018 der Abriss, woraufhin wir zusammen mit dem Kulturreferat auf die Suche nach einem neuen Standort gingen. Das war nicht einfach, und letztendlich sind wir im ersten Stock des Bürokomplexes an der AlbertSchweitzer-Straße 62 gelandet. Die Lage ist nicht ideal, aber besser als nichts. Die Räumlichkeiten wurden dann großzügig zu einer Veranstaltungslocation mit Büros für unsere Mitarbeiter*innen ausgebaut und sind sehr gut. Koordiniert wurde der Umzug damals von Bahar Auer als neuer Geschäftsführerin.

Ein Blick zurück: An welche Highlights erinnert ihr euch besonders gerne?

Erika Martens: Für mich waren es die zwei Theatervorstellungen, an denen meine Tochter mitwirken konnte, und die  Musicalshows, die einer unserer damaligen Mitarbeiter inszeniert hatte.  

Carlheinz Zobel: Meine Highlights im Pepper waren auf jeden Fall die Aufführungen des Münchner Varieté-Theaters von Faust I und II. Die Veranstaltungen fanden mehrmals bei uns im Haus statt. Wir  erhielten damals sogar einen Anruf von einer Schule aus Erlangen, die sich im Rahmen ihres Stundenplans mit der  Thematik befasste. Ebenso wie ein Ehepaar aus Luxemburg, das bei uns die Veranstaltung Faust I besucht hat und extra einen Tag länger geblieben ist, um auch Faust II zu sehen. Außerdem gab es noch ein weiteres Highlight vom Münchner GalerieTheater, das einmal pro Woche stattfand und sich „Kinder machen Theater” nannte. Im  Rahmen des Formats wurden Marionetten gebaut und wer fertig war, durfte die Bühne nutzen, um sich ein Theaterstück auszudenken. Die gebastelten Marionetten wurden dann im Kulturhaus ausgestellt. Auch der regelmäßige Tanzabend mit Liveband war von Anfang an ein Erfolg und hatte teils bis zu 100 Besucher*innen. Das Format gibt es heute noch im Programm. Themenabende wie „Griechischer Abend” oder „SommerTanzParty” konnten bei schönem Wetter draußen auf der Brachfläche vor dem Kulturhaus stattfinden. Schulen haben hier Theaterstücke geprobt und aufgeführt.

Interview: Florian Mayr – MGS Stadtteilmanagement Neuperlach

Mitglieder und Mitarbeiter*innen von KulturBunt Neuperlach e. V. bei der Verleihung des Bayerischen Integrationspreises 2025 im Bayerischen Landtag. Foto: Lennart Preiss – Bayerischer Landtag 2025
Zum Download der Begleitpublikation des Projektes NEUPERLACH2324 auf das Bild klicken.

Vom Hanns-Seidel-Platz zur Albert-Schweitzer-Straße 62

Seit wann bist du bei KulturBunt Neuperlach e.V., was war Dein Ziel für die Arbeit dort?

Bahar Auer: Ich habe mich 2016 als Geschäftsleitung beworben. Unser Fokus liegt vor allem darauf, dass unser Programm und unsere Arbeit die Stadtteilgesellschaft widergespiegelt. Es soll, wie der Name des Vereins ausdrückt, ein buntes Kulturprogramm sein: vielfältig und künstlerisch. Wir versuchen, alle Altersgruppen und viele Kulturen zu erreichen.

Was hat sich während deiner Arbeit bezüglich der Spielstätten verändert?

Bahar Auer: Wir hatten in den letzten fünf Jahren einige Herausforderungen. Mit dem Rückbau des Interimskulturhauses am Hanns-Seidel-Platz ging viel Sichtbarkeit verloren. Vielen Neuperlacher*innen kam es so vor, als ob wir nicht umgezogen, sondern weg wären. Dabei zählt das Pepper-Theater mit über 100 Vorstellungen im Jahr zu den nachgefragtesten Spielstätten für freie Ensembles und hat durch Veranstaltungen wie dem Theater-Festival WortSchau auch überregionale Beachtung gefunden. So darf es weitergehen! 

Im Kulturhaus in der Albert-Schweitzer-Straße 62 haben wir etablierte Programmpunkte wie „Livemusik im Foyer“ erhalten und neuere Reihen wie „Rikes kulturbunten Salon“ aufgenommen. Nach Umzug und Corona, wird das Haus nun immer besser angenommen.  

Während Corona haben wir mit Unterstützung des Bezirksausschusses Ramersdorf-Perlach einen LkW zur mobilen Bühne ausgebaut, den HoodMove16. Damit haben wir viele Freiluftkonzerte organisiert und machen das weiterhin. HoodMove16 verleihen wir auch. Seit 2016 hatten wir bereits jährlich das Open-Air-Festival „HoodWood“ veranstaltet – zuerst am Hanns-Seidel-Platz, dann im Theatron im Ostpark. Mit der Europäischen Schule unter der Leitung von Bühnenwerk fand Freilufttheater statt. Dieses Jahr veranstalten wir zusammen mit Jugendtreffs und StreetWork Neuperlach vom 25. bis zum 27. Juli 2025 bereits zum sechsten Mal die BlocParty83 im Ostpark.

KulturBunt Neuperlach e. V. wurde mit dem Bayerischen Integrationspreis ausgezeichnet. Wofür wurdet ihr  ausgezeichnet?

Bahar Auer: Ja, wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung, gerade im Jubiläumsjahr. Im Jahr 2022, als die nicht endenden Krisen immer mehr uns und auch das Verhalten unserer Besucher*innen beeinflussten, hat mich das sehr beschäftigt. Mein Ehemann hat mich motiviert daraus ein Konzept für die Kulturarbeit zu entwickeln. Unter dem Titel NEUPERLACH2324 haben wir dann ein Jahr aufsuchende Kulturarbeit betrieben. Wir sind auf die Kulturwünsche der Bürger*innen vor Ort eingegangen, und zugleich wurden unsere Bühnen mit wichtigen, zeitgemäßen Themen bespielt. Es sind wunderbare Mikroprojekte entstanden und auch großartige künstlerische Veranstaltungen. Da wir den Zugang zu den Bürger*innen nur mithilfe der Einrichtungen vor Ort gewinnen konnten, haben wir unsere Ressourcen mit den jeweiligen Einrichtungen geteilt. Die Hochschule München hat unsere Arbeit begleitet und es ist eine wissenschaftliche Dokumentation entstanden, die inzwischen in Buchform vorliegt und online gelesen werden kann.

Wie kann ich bei KulturBunt Neuperlach e. V. Mitglied werden? Wo findet man das aktuelle Programm?

Bahar Auer: Wir freuen uns über alle, die mit uns aktiv sein wollen. In welcher Form das genau geschieht, hängt auch von den persönlichen Interessen ab. Sprecht uns bitte an! Unser Programm findet ihr online und könnt ihr als E-Mail-Newsletter abonnieren. In gedruckter Form liegt es in Gemeinbedarfseinrichtungen im Stadtteil aus. Tickets können kostenfrei via Telefon oder Homepage reserviert werden.

Interview: Florian Mayr – MGS Stadtteilmanagement Neuperlach

Eine Fata Morgana im blühenden Kulturland

Viele Neuperlacher*innen werden zustimmen, wenn ich das Kultur- und Bürgerzentrum als Fata Morgana bezeichne, also als Wunschvorstellung, der wir seit einem halben Jahrhundert hinterherlaufen. Aber, dass ich diese Fata Morgana von einem blühenden Kulturland umgeben sehe, werden nicht alle verstehen.

Damit meine ich, dass die Neuperlacher*innen seit Beginn ihre Umgebung gemeinsam gestaltet haben. Zuerst aus Mangel, später auch mit dem Ziel des immer besseren Zusammenlebens, haben sie eine Neuperlacher Stadtteilkultur entwickelt. Eine Soziokultur, die sich nicht auf Theater, Tanz, Musik und Literatur reduziert, sondern die gemeinsamen Themen des Alltags umfasst.

Bürgerschaftliches Engagement

Die Diskussion um ein bürgerschaftliches Zentrum, für das bereits 1969 die ersten Nutzungskonzepte entstanden, dreht sich seither um den Wunsch nach einem professionellen (Hoch-)Kulturprogramm vor Ort und einem Platz für selbstorganisierte Initiativen und Vereine, um das Stadtteilleben zu reflektieren und zu entwickeln. Als in den 1970er-Jahren soziale Einrichtungen, Kirchen und die Stadt den Verein für Gemeinwesenarbeit (VGWA) gründeten, blühten bestehende Initiativen und Vereine in Neuperlach auf und neue entstanden. Gefördert wurde der Verein durch die Stadt und die Neue Heimat, sie bot vielen Initiativen auch entsprechende Räume an. Diese Gruppen, zum Beispiel die Mieter*innen-, Schüler*innen- und Elterninitiativen, der Frauentreffpunkt, die Nachbarschaftshilfe und die Kinoinitiative, konnten ihre Anliegen einige Jahre lang sogar in einer eigenen Stadtteilzeitung publizieren. Das Theater in der Kreide (TiK), gegründet im studentischen Milieu Schwabings, zog nach Neuperlach ins Marx-Zentrum. Gegen die Einführung des Kabelfernsehens bildete sich eine Protestinitiative. Das alles war in Summe die bis heute wohl aktivste und politischste Phase der Neuperlacher Stadtteilkultur. Eine Stadtteilkultur, die Themen der Nachbarschaft öffentlich diskutiert und nach gemeinsamen Lösungen sucht.

Der VGWA organisierte seine Arbeit im Stadtteil mit einem ehrenamtlichen Arbeitsausschuss aus Mitarbeiter*innen der sozialen Einrichtungen, Kirchen, Vereine und Initiativen Neuperlachs. Die Treffen wurden reihum durch die Mitglieder durchgeführt. Die finanzielle Förderung durch die Stadt München endete 1979, und der VGWA löste sich auf. Die ehrenamtliche Basis des Arbeitsausschusses arbeitete aber unbeirrt weiter. Beim Bau des PEP als Neuperlacher Zentrum wurden Räume für bürgerschaftliches Engagement eingefordert und für das anvisierte Kultur- und Bürgerzentrum mit dem Arbeitstitel „Perlach-Haus” eine Planung angemahnt. Größere Veranstaltungsräume waren damals nur die Mensa im Schulzentrum an der Quiddestraße und die Nebenzimmer der Gaststätten im Quidde-, Plett- und Marx-Zentrum.

Eine Stadtteilkulturwoche des Kulturreferats der Stadt München im Jahr 1979 wurde von vielen Gruppen im Stadtteil als „Trostpflaster“ für die Einstellung der Förderung des VGWA bezeichnet und als „katalogmäßig zusammengestellte Veranstaltungsreihe ohne Bezug zum Stadtteil“ kritisiert. Der Ausschuss forderte eine verlässliche Förderung für die Initiativen und mehr Mitwirkung bei Kulturevents. Als 1984 das PEP eröffnet wurde, konnte das im Marx-Zentrum angesiedelte TiK dort das Studiotheater im Untergeschoss mit Theater-Café im Erdgeschoss am PEP-Vorplatz übernehmen. Möglichkeiten für eine umfassende bürgerschaftliche Arbeit fehlten aber weiterhin. Im weiteren Verlauf flauten einige Initiativen ab. Neue wurden gegründet, darunter die Bürgerhausinitiative, die Friedensinitiative Neuperlach und 1988 „Neuperlach soll blühen” eine Nachbarschaftsinitiative, die bis heute als „ZAK” im Wohnring wichtige Funktionen ausfüllt. Einige Mängel waren beseitigt, andere Themen wurden von professionalisierten Institutionen übernommen, zum Beispiel das Stadtteilbüro im Sudermannzentrum und das Caritas Stadtteilbüro in Neuperlach Süd.

Das Interims-Kulturhaus am Hanns-Seidel-Platz wurde 2001 von Florian Nagler Architekten im Auftrag des Kulturreferats der Stadt München gebaut und Ende 2018 rückgebaut, da die Fläche für die Baustellenlogistik der Umbaumaßnahmen am Hanns Seidel-Platz notwendig wurde. Foto: Thomas Irlbeck

Pepper-Theater und Kulturhaus

Im Studiotheater im PEP konnten die damaligen Betreiber den Niedergang nicht verhindern. Als Konsequenz wurde Anfang der 1990er-Jahre eine Schließung des Theaters diskutiert. Einige Stadtteilpolitiker*innen und interessierte Bürger*innen erkannten die Chance für ein provisorisches Kulturzentrum. Der Trägerverein Pepper e.V. aus verschiedenen Neuperlacher Vereinen, Initiativen und Einrichtungen wurde gegründet. Die von der Stadt angemieteten Räume konnten 1995 übernommen werden. 2001 beauftragte das Kulturreferat der Stadt München zusätzlich den Bau eines Holzpavillons am Hanns-Seidel-Platz als Interimskulturhaus und beauftragte den Pepper e.V. mit dem Betrieb. Von da an entwickelte sich bis 2018 der Hanns-Seidel-Platz zum echten soziokulturellen Zentrum Neuperlachs. So nah waren wir der Fata Morgana seitdem nie mehr.

Die Professionalisierung des Betriebs, die bei den unterschiedlichen Nutzungen im Kulturhaus unbedingt erforderlich war, führte nach 2010 zu einem Rückgang des ehrenamtlichen und damit stadtteilpolitischen Einflusses auf die Nutzung des Hauses. Der Rückbau des Interimskulturhauses 2018 im Rahmen der Baustellenlogistik für die Bebauung des Hanns-Seidel-Platzes, die mühsame Suche nach Ersatzräumen und die Covid-Pandemie, führten dazu, dass der nun in KulturBunt Neuperlach e.V. umbenannte Trägerverein bisher noch nicht wieder die gleiche Reichweite erzielen konnte.

Enttäuschung und Zuversicht

Leider stellten ab 2022 der Kulturkreis Ramersdorf-Perlach, der erfolgreich die Mensa im Schulzentrum an der Quiddestraße mit großen Namen gefüllt hatte und später auch Kulturforum e.V., lange Motor im Trägerverein KulturBunt Neuperlach e.V., ihre Arbeit ein. Der Kunstrefugium e.V., der das Quiddezentrum als Zwischennutzung belebt hatte, fand 2019 in Moosach neue Räume, das Festspielhaus aus der Quiddestraße 17 wurde 2019 vom Immobilieneigentümer gekündigt und zog nach Ramersdorf um und ein gerade etablierter Neuperlacher Geschichtsverein löste sich nach internen Querelen 2021 auf.

Allerdings war das überregionale Interesse am Stadtteil mittlerweile so gestiegen, dass verschiedene Projekte von Hochschulen und öffentlichen Stellen in Neuperlach seither ihre Themen suchen. Zwei davon möchte ich positiv erwähnen. Die Stadtteilsanierung des Referats für Stadtplanung und Bauordnung hat wieder Schwung in bürgerschaftliche Aktivitäten gebracht und die Bedeutung der öffentlichen Räume thematisiert unter anderem mit der Zwischennutzung des Hanns-Seidel-Platzes durch „Neuperland”. Aus der Zwischennutzung Shaere des Allianz-Gebäudes in der FritzSchäffer-Straße 9 sind einige Initiativen entstanden, die sich nun als Verein „Das Kreativ83” zusammengeschlossen haben. Fazit: Das so wichtige Kulturland blüht wieder auf, und die Fata Morgana des Kultur- und Bürgerzentrums schwebt nach wie vor – unerreichbar? – über dem HannsSeidel-Platz.

Ulrich Knauer – Vorstand von KulturBunt Neuperlach e.V. von 1995 bis 2022

Kontakt

Kulturhaus Neuperlach
Albert-Schweitzer-Straße 62, 1. Stock

Pepper-Theater
Thomas-Dehler-Straße 12, Untergeschoss

KulturBunt Neuperlach e.V.
www.kulturbunt-neuperlach.de
info(at)kulturbunt-neuperlach.de
089 / 63 89 18 45

 


Die Stadtteilzeitung Neuperlach

Die Stadtteilzeitung Neuperlach informiert zweimal im Jahr über die Stadtteilsanierung Neuperlachs. Ziel der Stadtteilzeitung ist es, kommunales Handeln in der Stadtteilentwicklung zu erläutern. Berichtet wird über Themen, die den Sanierungszielen des integrierten Stadtteilentwicklungskonzepts Neuperlach dienen. Dabei stellen Projekträger*innen ihre Arbeiten aus erster Hand vor.

Die Stadtteilzeitung Neuperlach erscheint in einer Auflage von ca. 11.000 Stück, wird im Sanierungsgebiet Neuperlach Nord kostenfrei an alle Haushalte verteilt und liegt in Gemeinbedarfseinrichtungen in Neuperlach aus.

Die Stadtteilzeitung Neuperlach wird herausgegeben von der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) im Auftrag des Referats für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München. Die Redaktion übernimmt das MGS Stadtteilmanagement Neuperlach im Quidde35 – Raum für Stadtsanierung. Die Redaktion behält sich vor Beiträge zu kürzen oder abzulehnen. Es besteht kein Anspruch auf Publikation.